Samet DurgunFotograf
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Resonanz: Ein neuer Blick auf künstlerische Verbindung

Journal · Aus dem Artist Blog von Der Greif

Zuerst erschienen bei Der Greif, Artist Blog

Inspiration ist das falsche Wort für das, was die Arbeit einer Künstlerin mit einem anderen Künstler macht. Resonanz ist gerechter: geteilte Haltung statt Eins-zu-eins-Einfluss — und warum unter einem Fotobuch ein Song von Robyn liegt.

In der Kunst sprechen wir oft von ‚Inspiration‘.

Aber vielleicht haben wir ihren eigentlichen Kern aus den Augen verloren.

Eine Person liegt in weichem Licht und trägt eine Federboa — das Coverfoto von Come Get Your Honey.
Keil Li at Patricia's Lap, 2020. Aus Come Get Your Honey.

Die Wörter, mit denen wir unser Verhältnis zur Kunst beschreiben, setzen unserer Wahrnehmung gern Scheuklappen auf. Nehmen wir das Wort ‚Inspiration‘, die göttliche Eingebung. Es wird so häufig benutzt, so beiläufig hingeworfen, dass uns sein Kern womöglich abhandengekommen ist. Laut Definition ist Inspiration „der Vorgang, geistig dazu angeregt zu werden, etwas zu tun oder zu fühlen, insbesondere etwas Schöpferisches zu tun“.

Ich möchte ein anderes Wort vorschlagen, wenn wir über unsere Arbeit sprechen: Resonanz. Wenn die Arbeit einer anderen Künstlerin oder eines anderen Künstlers in mir nachklingt, spüre ich eine tiefe Verbindung, als sprächen wir dieselbe künstlerische Sprache auf derselben Wellenlänge. Das geht über bloße Inspiration hinaus — es geht darum, Fäden gemeinsamer Gedanken, gemeinsamer Überzeugungen und einer gemeinsamen Vision zu finden.

Wenn wir die Arbeit anderer beschreiben, greifen wir gern zu berühmten Namen, aus der Gegenwart oder aus vergangenen Epochen, und erklären sie zu Inspirationsquellen. Oder die Künstlerin beruft sich selbst auf bekannte Vorbilder, und wir sind erleichtert, weil sich die naheliegenden Verbindungen so leicht ziehen lassen. Aber übersehen wir dabei nicht die Beiträge derer, die weniger gefeiert werden? Laufen wir nicht Gefahr, den immensen, kollektiven Einfluss bekannter, unbekannter und vergessener Künstlerinnen und Künstler zu leugnen, die unser künstlerisches Empfinden über die Jahrhunderte geprägt haben?

Eine Person liegt auf einer blauen Decke, eine Hand über einem Auge, die Hände einer anderen Person auf ihrem Kopf und ihrer Brust.
“She Is My Mom” (Dorm Mates), 2020. Aus Come Get Your Honey.

Sollen die Sieger alles bekommen?

In Resonanz statt in Inspiration zu denken, scheint mir ein gerechterer Tribut an das Universum künstlerischen Denkens, aus dem wir alle schöpfen. Es erlaubt uns, ein großes Geflecht von Einflüssen anzuerkennen, ohne die Beiträge Einzelner kleinzureden und unser Verständnis auf lineare Eins-zu-eins-Beziehungen zu verengen.

Ich denke an meine Fotoserie Come Get Your Honey. In einem Essay im Buch hat meine liebe Freundin, die Kuratorin Marianne Ager, meine Arbeit mit der von Nan Goldin und Christer Strömholm verglichen, deren Fotografien ebenfalls wichtige Erzählungen von LGBTQIA+-Communities dokumentieren. Leserinnen und Leser könnten sagen, ich sei von ihnen ‚inspiriert‘ (und meine Arbeit an ihrer messen). Ich würde eher sagen, meine Arbeit ‚resoniert‘ mit ihrer — kein offensichtlicher Einfluss, sondern eine geteilte Haltung und ein gemeinsamer schöpferischer Antrieb. Tatsächlich reichen meine Resonanzen über die Fotografie hinaus: Malerinnen, Musiker, Romanautorinnen, Psychologen, Philosophinnen und meine queeren Freundinnen und Freunde aus dem Bauchtanz.

Turnschuhe und ein hochhackiger Schuh hängen an ihren Schnürsenkeln von den sonnenbeschienenen Stahlträgern unter einer Brücke.
Shoes Under a Bridge, 2020. Aus Come Get Your Honey.

Nehmen wir die Musik, eine andere Kunstform, um dem Ganzen eine weitere Dimension zu geben. Meine tiefsten Resonanzen kommen oft von dort. Musik spiegelt und verstärkt meine jeweilige Stimmung wie nichts sonst, und die Stücke, die in mir die richtigen Saiten anschlagen, kann ich immer wieder hören. Wer mein Buch Come Get Your Honey gesehen hat, hat vielleicht eine rhythmische Unterströmung bemerkt, eine Melodie unter der Erzählung (Tipp: einmal ‚Robyn Honey‘ googeln).

Um das klarzustellen: Ich behaupte nicht, ein Song hätte das Buch im herkömmlichen Sinn inspiriert. Vielmehr hat seine emotionale Resonanz das widergespiegelt, was ich während des Editierens empfand, und so zu Ton und Stimmung der Arbeit beigetragen.

Kunst entsteht nicht im luftleeren Raum — sie ist ein fortlaufender Dialog über Generationen, Kulturen und Einzelne hinweg. Wir alle tragen zu diesem Dialog bei: Wir borgen, deuten um, vergessen auch, oder bringen einfach eigene neue Ideen hervor. Wenn du also das nächste Mal vor einem Kunstwerk ins Staunen gerätst, frag dich: Inspiriert es dich, oder resoniert es mit dir?

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