Samet DurgunFotograf
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Die leise Revolution der Fotografie: Sehen durch Zuhören

Journal · Aus dem Artist Blog von Der Greif

Zuerst erschienen bei Der Greif, Artist Blog

Fotografie gilt als visuelle Sprache, und der Drang, Bilder zum Sprechen zu bringen, übertönt die leiseren Erzählungen. Was Zuhören mit einer Kamera bedeutet, und wessen Blick es dient.

In unserer Eile, etwas visuell Überwältigendes zu schaffen, laufen wir Gefahr, die leiseren, feineren Erzählungen zu verpassen. Wer sich für diesen Gedanken interessiert (und verspricht, nicht durchzueilen), den lade ich ein, sich die Serie genau anzusehen. Ich hoffe, man findet darin eine Bildfolge, die diesen Geist von „mehr Zuhören, weniger Sehen“ vermittelt.

Eine Person in weißem Blazer und Jeans kniet im Sand, das lange schwarze Haar in die Luft geworfen.
Mirna Whipping, 2020. Aus Come Get Your Honey.

Fotografie wird oft als visuelle Sprache gerühmt. Doch der Nachdruck auf wirkungsvollen, ästhetisch gefälligen und botschaftsschweren Bildern kann den eigenen Wert leiserer Momente überschatten, die nicht sofort um Aufmerksamkeit buhlen. Die Jagd nach der ‚perfekten‘ Aufnahme, dem perfekten Ausschnitt oder Ausdruck kann unser Erzählen unbeabsichtigt verengen.

Ständig werden wir ermutigt, ‚unsere Fotos sprechen zu lassen‘, aber da stellt sich die Frage: Sind wir auch bereit zuzuhören? Hören wir auf die Erzählungen, die feinen Nuancen, die zurückhaltenden Gefühle, die eine Szene, ein Mensch oder ein Moment uns vielleicht mitteilen will? Wessen Blick dienen wir?

Eine Person in blauem Bauchtanzkostüm sitzt im Halbdunkel, die Hände ins Haar gehoben.
Mona Lisa, 2019. Aus Come Get Your Honey.

Als Fotografinnen und Fotografen könnten wir unseren Drang zum ‚Sehen‘ loslassen und das ‚Zuhören‘ hereinholen. Wie in einem Gespräch verlangt Zuhören in der Fotografie ein tiefes Verständnis unserer Umgebung, der Menschen vor der Kamera und, vor allem, unserer eigenen Vorurteile und Vorannahmen. Es geht darum, für alle Seiten eines visuellen Moments offen zu sein.

Ein Beispiel: der oft eintönige Ton der Google-News-Benachrichtigungen, die ich zu ‚LGBTQIA+ Geflüchteten‘ bekomme. Die Geschichten sind ausnahmslos düster (und berechtigt), darauf angelegt, meine Aufmerksamkeit zu bekommen, als wären sie die einzige Wirklichkeit. Als Fotograf aber bin ich gefordert, tiefer zu gehen und auf die feineren Erzählungen unter den reißerischen Schlagzeilen zu hören.

Eine Person in einem Netzshirt sitzt auf einem rot und türkis beleuchteten Bühnenboden und greift nach einem silbernen Absatzschuh.
Shugar, 2019. Aus Come Get Your Honey.

Ein Foto, das nicht der traditionell gefeierten Ästhetik entspricht oder nicht sofort eine klare Botschaft preisgibt, wird in einer Welt, die es oft eilig hat, womöglich übergangen. Und doch könnte es gerade das sein, das denen, die bereit sind ‚zuzuhören‘, die tiefste Geschichte erzählt.

Wann hat deine Kamera zum letzten Mal eine Geschichte gehört?

Eine Person in rotem Spitzenkorsett und abgeklebter Perückenhaube steht vor weißen Fliesen unter einer roten Wand.
Keil Li in the Changing Room, 2020. Aus Come Get Your Honey.
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