Sanfter Aktivismus: Die Kunst der leisen Veränderung
Eine Definition von sanftem Aktivismus — Engagement, das Sichtweisen verändert, ohne Schock oder Notstand — und warum ein Fotograf queerer Geflüchteter in Berlin ihn der erwarteten Distanz vorzieht.
Traditionell gilt als Aktivist, wer sich in organisierter Form für politischen oder gesellschaftlichen Wandel einsetzt. Ich merke allerdings, dass ich von diesem Etikett abweiche. Als sanfter Aktivist versuche ich, Veränderung auf leise Weise anzustoßen: Ich lade andere ein, neue Perspektiven zu erwägen, und webe Erzählungen, die ihre Wirkung hinter den Kulissen entfalten.
Für sanften Aktivismus — Soft Activism — findet sich online keine so klare Definition, wie ich sie mir wünschen würde, also definiere ich ihn hier (große Verantwortung): eine subtile Form des Engagements, die Herzen und Köpfe allmählich beeinflusst, ohne Schock, Notstand oder Störung auszulösen. Dieser Ansatz mag weniger ‚sichtbar‘ sein, doch seine tiefen Wurzeln können mit der Zeit eine dauerhafte Veränderung bewirken.
An einen Fotografen, zumal an einen, der Menschen porträtiert, richtet sich oft die unausgesprochene Erwartung, sich mit seinen Bildern für bestimmte Anliegen einzusetzen. Renommierte Fotografinnen und Fotografen wie Zanele Muholi, Nan Goldin und Wolfgang Tillmans werden für ihr aktives Engagement gefeiert, dafür, dass sie verschiedene Communities mit ihrer Kamera festgehalten haben. Ich liebe und feiere ihre Arbeit.
Die Medien formen oft unsere Erwartungen daran, was Fotografinnen und Fotografen tun sollten und welche Themen sie für relevant halten sollten. Man erwartet von ihnen gern, klar umrissene Communities aus einer ‚optimalen‘ Distanz zu zeigen — nah genug, um Empathie zu wecken, aber nicht so nah, dass es politisch konfrontativ wirkt. Sonst ist die Kunst plötzlich politisch und landet in einer anderen Schublade.
Martha Rosler sagt in einem ihrer Interviews: „Die Kunstwelt der ‚Nicht-Künstler‘ bevorzugt Kunst, die ihre Aufmerksamkeit nicht auf das Jetzt lenkt … Sie sieht Kunst lieber als etwas, das ihr hilft, sich von den Sorgen des Alltags zu entfernen … Kunst hat die Pflicht, mit den Menschen über die Bedingungen des täglichen Lebens zu sprechen, nicht unbedingt, um sie als unüberwindbar erscheinen zu lassen, ganz im Gegenteil: um sie daran zu erinnern, dass sie engagierte Bürgerinnen und Bürger sind.“
In meinem Fotobuch Come Get Your Honey bewege ich mich durch verschiedene Facetten von Identität unter queeren Geflüchteten in Berlin. Ich schaffe Raum, damit Menschen sich meiner Kunst im eigenen Tempo nähern können, ohne aggressiv eine Agenda zu verfolgen oder Massen für sofortigen Wandel zu mobilisieren. Meine Arbeit lädt zur Innenschau ein, zur Entdeckung geteilter menschlicher Erfahrungen und schließlich zur leisen Veränderung von Sichtweisen.
Die Kuratorin Marianne Ager formuliert es so: „Sanfter Aktivismus besteht, wenn auch leise, darauf, das Gespräch fortzusetzen. Er ist willensstark, aber tolerant. Er baut Brücken, statt Gräben auszuheben.“