Frag mich alles
Aus Come Get Your Honey (Kehrer Verlag, 2021)
Beim Kaffee sah Prince Emrah mich an und sagte: „Es fällt mir schwer, Vertrauen zu einem Fotografen aufzubauen. Aber versuchen wir es.“ Das war unser erstes Treffen.
Prince Emrah, eine geschlechtsnichtkonforme Person (Pronomen sie und er) und Geflüchtete aus Turkmenistan, ist die Definition von „larger than life“. Nach seiner Ankunft in Berlin fand sie ihre Heilung im Bauchtanz. Seit sie vor ein paar Jahren ihr erstes Kostüm aus einem Stück Vorhang nähte, hat sie auf Geburtstagsfeiern, Hochzeiten und in den bekanntesten queeren Clubs der Stadt getanzt. Emrah ist auch Gründerin und Mutter des House of Royals, eines Performance-Kollektivs, das LGBTQIA+ Künstlerinnen mit Flucht- und Asylhintergrund Möglichkeiten eröffnet. Derzeit besucht er eine Schule für Beauty und Wellness und will ein eigenes Geschäft gründen.
Nach diesem ersten Kaffee nahm mich Prince Emrah nicht nur in unzählige Backstage-Bereiche mit, sondern wurde auch eine enge Freundin. Weil ich das House of Royals mit Fotos unterstützte, um seine Präsenz zu stärken, boten sie mir einen Raum zum Experimentieren und stellten mich ihrem weiteren Freundeskreis vor.
Da Emrah meinen Prozess von Anfang an miterlebt hat, dachte ich, es wäre schön, mit ihm über das Buch zu sprechen. Hier ist sie also und fragt mich alles, was sie interessiert.
Prince Emrah: Ich freue mich so, mit dir über dein Buch zu sprechen! Steigen wir direkt ein. Wie bist du in einen Kreis von LGBTQIA+ Geflüchteten und Asylsuchenden gekommen?
Samet Durgun: Am Tag der Arbeit hattest du einen Auftritt bei einem Open-Air-Festival in Kreuzberg. Ein paar Stunden vor der Show hast du mich deinen Freundinnen vorgestellt, mit denen du früher ein Wohnheim geteilt hast. Ich war von jeder einzelnen Person und den Geschichten, die sie mir an diesem Tag erzählten, hingerissen. Die Beziehungen wuchsen mit der Zeit, Freundinnen stellten mir andere Freund*innen vor.
PE Hattest du damals schon vor, dieses Buch zu machen?
SD Ich hatte weder vor, dieses Buch noch überhaupt „ein Buch“ zu machen, aber ich hatte eine Idee, die sich in Bilder übersetzen ließ. Ich wollte mein Bedürfnis, verstanden zu werden, ausdrücken, indem ich mich mit Menschen verband, denen ich mich nahe fühlte. Ich habe tiefen Respekt vor Menschen, deren Identitäten so komplex und vielschichtig sind, dass der Kampf, die Kraft des Widerstands und die Widerstandsfähigkeit für andere unsichtbar werden.
Wie du weißt, waren meine Vorfahren Geflüchtete aus dem Kaukasus. Ich bin als Angehöriger einer ethnischen Minderheit, als Agnostiker und als gemobbtes queeres Kind einer alleinerziehenden Mutter in der Türkei aufgewachsen. So sehr ich mir der besonderen Herausforderungen bewusst bin, vor denen deine Community steht, und unsere Geschichten nicht dieselben sind, fühlte ich als queere Person an der Schnittstelle mehrerer Identitäten und gelebter Erfahrungen die Solidarität mit den Menschen.
PE Ich sehe, dass es auch ziemlich viele Bilder von Künstler*innen aus der Community gibt. Warum?
SD Kinder meiner Generation wuchsen in der Türkei mit legendären transgeschlechtlichen und geschlechtsnichtkonformen Künstler*innen auf (die ich als Kind nachgeahmt habe), und doch kannte ich keine geschlechtsnichtkonformen, trans* und queeren Menschen in meiner Umgebung. Diese Stars im Fernsehen schienen von einem anderen Planeten zu kommen. LGBP-Menschen (lesbische und schwule, vor allem aber bisexuelle und pansexuelle), die ich kannte, bezeichneten sich entweder als hetero, behielten ihre Identität für sich oder sahen keinen Grund, sich irgendwem zu erklären. Sowohl statistisch als auch anekdotisch ergab das Fehlen von LGBTQIA+ Menschen in meinem Leben für mich keinen Sinn.
Ein paar Jahre später begann ich, Künstlerinnen der Berliner Performance-Szene zu treffen, darunter dich, die Geschlecht ausdrückten, erklärten und erkundeten. Ich fühlte mich gestärkt in der Nähe von Künstlerinnen, die Räume beanspruchten, besser leben wollten, einen unglaublichen Gemeinschaftssinn hatten und an die Fluidität von Geschlecht glaubten. Die Gespräche mit euch allen waren befreiend. Sie waren eine Form von Therapie für mich.
PE Hast du je gedacht: „Oh, ich wünschte, ich hätte ein Talent zum Tanzen“?
SD Ich bewundere dein Talent zum Tanzen und deine Bühnenpräsenz, aber nein, ich bin glücklich mit meinem kleinen Tanz beim Fotografieren.
PE Wenn ich von meiner Geschichte erzähle, sage ich: „Wer es nicht erlebt hat, versteht es nicht. Und selbst wer es verstünde, könnte es nicht fühlen.“ Für dich gilt in diesem Fall dasselbe. Du hast Zeit mit unserem Kollektiv verbracht, wir können dir erzählen, wie es ist, aber es ist nie dasselbe, bis du es selbst lebst. Was ich an dir mag: Es gab Zeiten, da haben wir dich in Kostüm und Make-up gesteckt. Ich will diese Selbstporträts im Buch sehen; ich finde, sie haben einen Platz verdient.
SD Notiert.
PE Wie hast du dich in diesen Momenten gefühlt?
SD In deinem Kostüm habe ich mich absolut wohl gefühlt, nicht nur, weil ich mit euch allen in einem so sicheren Raum war, sondern weil meine Beine darin besser aussahen. Mit dem Make-up war es etwas anders. Es gab einen Workshop im Wohnheim, und Julie (eine Freundin, die eine malaysische geschlechtsnichtkonforme Tänzerin ist) sah, wie schlecht mein Make-up war (es war mein erstes Mal …), und beschloss, mir zu helfen. Sie ging aufs Ganze: rote Lippen, extra hohe Augenbrauen und Konturen auf meinem Bart. Manche Leute im Wohnheim erkannten mich danach nicht. Auf dem Heimweg bekam ich böse Blicke und wurde angepöbelt. Im Spiegel fühlte ich mich fabelhaft.
PE Ich will dich fragen, wann du weißt, dass du „das Bild hast“. Nimm zum Beispiel das Bild von meinem blauen Kleid. Du hast mich dafür zweimal besucht, ungefähr zur selben Tageszeit, mit demselben Licht darauf.
SD Okay, jetzt reden wir über meine Obsessionen [lacht]. Bei manchen Bildern weiß ich, dass ich den Moment nicht zurückholen kann. Denk an das eine Bild, auf dem Dalaa durchs Fenster tanzt. Und dann gibt es welche, wie dein blaues Kleid, bei denen ich vielleicht eine Chance habe, zurückzukommen. Wenig überraschend lande ich aber meistens doch wieder beim ersten.
PE Den Zauber des ersten Mals kenne ich. Lass uns auch über die Stadtbilder sprechen. Warum wolltest du die dabeihaben? Ich meine, wir sind nicht einmal „Berliner“.
SD Berlin — oder jede Stadt — spielt eine entscheidende Rolle in unserem Leben, ob wir darin geboren sind oder nicht. Denk an den Alltag, Freundschaften, Politik, Chancen. Mich hat also interessiert, wie die Menschen die Stadt empfinden.
Viele denken, Berlin sei wegen seiner Geschichte der Akzeptanz gegenüber Queers das ideale Ziel. Sie sind dankbar für das Unterstützungssystem, das für die Community aufgebaut wurde, mit Bildung, Gesundheitsversorgung und Wohnraum. Zugleich ist Berlin weit davon entfernt, perfekt zu sein. Für jene, die mit den Folgen ihrer Traumata leben müssen, ist der Zugang zu angemessener psychischer Versorgung nicht leicht. Um ein Gefühl von Zugehörigkeit zu entwickeln, ist Deutschlernen unerlässlich und doch schwer, und einen Job zu finden, mit dem man nur ein wenig mehr verdient als die staatliche Grundsicherung, ist noch schwerer. Obendrein warten manche Asylsuchende „Jahre“ auf ihren Flüchtlingsstatus und leben mit der Angst, jederzeit abgeschoben zu werden, während andere ihn in wenigen Wochen bekommen. In diesem Verfahren wird die Authentizität ihrer Geschlechtsidentität und ihrer gelebten Erfahrungen von Behörden infrage gestellt, die weder einen marginalisierten Hintergrund noch ähnliche Erfahrungen haben.
Hinzu kommt, dass Hasskriminalität gegen BIPOC-Queers und Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte statistisch zunimmt, und es gibt Menschen in meinem Umfeld, die diese Gewalt aus erster Hand erleben. Mitten in der Gentrifizierung scheint es fast unmöglich, einen langfristigen Mietvertrag zu finden, selbst wenn der Staat garantiert, die Miete zu zahlen. Keil Li Divon (die im Buch vorkommt) ist zum Beispiel seit ihrer Ankunft in Deutschland 15-mal umgezogen.
Die Liste ließe sich fortsetzen. Wie also diese Erkenntnisse in der Geschichte abbilden? Nach jeder Begegnung mit Menschen veränderte sich meine Wahrnehmung der Stadt. Die Stadt bekam einen Charakter und eine visuelle Sprache. Aus diesem Blickwinkel wollte ich Berlin einfangen.
PE Gibt es eine bewusste Abfolge oder Erzählung in diesem Buch? Ich muss zugeben, als ich anfing, mir die Bilder anzusehen, dachte ich, es würde eine bestimmte Geschichte enthüllen. Aber das war nicht der Fall.
SD Tatsächlich folgt das Buch keiner geradlinigen, filmischen Handlung. Stattdessen spiegelt es meine Beziehungen und meinen Eindruck von den Geschichten, die die Menschen mit mir geteilt haben.
PE Das ergibt Sinn. Du fotografierst uns jetzt schon eine ganze Weile. Ich sehe aber vor allem sonnige Bilder. Das ist nicht das Berlin, das ich kenne.
SD Ja, es ist genau das Gegenteil! An sonnigen Tagen gehe ich eher raus, treffe Leute und fotografiere mehr. Ich merke, dass die Menschen besser gelaunt und offener sind.
PE Diesem Sonnenglück stimme ich zu! Wie gehst du mit Farben um? Was bedeuten sie dir?
SD Ich setze Farben reichlich ein, und mir ist wichtig, wie sie innerhalb eines Bildes und zwischen Bildgruppen zusammenwirken. Was das Medium Farbfotografie angeht, schätze ich seine Komplexität, die von mir verlangt, Licht und Farben in Einklang zu bringen.
PE Jetzt, wo das Buch erscheint — wirst du uns weiter fotografieren, oder ist dieses Buch „das Ende“?
SD Es wird ganz sicher noch mehr gemeinsame Zeiten und Bilder geben.
PE Das macht mich glücklich.
Über Prince Emrah
Prince Emrah ist eine in Berlin lebende Bauchtänzerin, DJ, Drag-Performerin, Tanztrainerin und Make-up-Artistin kurdisch-aserbaidschanischer Herkunft. Aufgewachsen in Turkmenistan, lebte Emrah in Istanbul, bevor sie 2015 nach Deutschland kam. 2018 gründete sie das QueerBerg Collective zur Unterstützung queerer Geflüchteter und trans Künstlerinnen. Zu ihren weiteren Initiativen zählen das Black & Brown Queer Cabaret, das Whoriental Festival und House of Namus. Mit Auftritten, Festivals und Community-Events schafft Emrah Räume, in denen queere Geflüchtete und Künstlerinnen of Colour auftreten, sich vernetzen und Unterstützung finden können. Vollständige Biografie, HKW · Interview, Deutschland.de